Mein liebes Kind,
heute ist ein Sonnentag, und da es bald Ende Februar ist, freue ich mich schon auf die Rückkehr der Kraniche. Diese großen Vögel gaben mir in den letzten Jahren immer wieder die Sicherheit; es wird wieder wärmer, und die Hoffnung; es wird wieder besser.
Ob es wirklich wieder besser werden kann für mich, weiß ich nicht. Es ist mir so, als wäre ein erhebliches Stück meiner selbst einfach weggebrochen. Du, mein eigen Fleisch und Blut; weggeflogen.
„Eigen Fleisch und Blut“- dieser Ausdruck wurde mir auch erst mit deinem Sterben ins Bewusstsein gebracht. Es ist wirklich komisch mit den Worten und verschiedenen Ausdrücken.
Still ist mein eigen Blut geworden.
Hier ein Text von Theodor Kramer;
„ Seit Stunden hock ich auf dem Stand,
mild ist der Tag und braun das Laub,
die Orgel, die mit schwacher Hand,
ich dreh, mich dünkt, sie ist aus Staub.
Die Sonne scheint mir ins Gesicht,
mich schwindelt schier vor so viel Licht;
die Orgel singt: vergiss mich!...“
Im Traume bin ich dir heute nacht wieder gefolgt, lief immerzu hinter dir her um dich nach deinen Blutzuckerwerten zu fragen. Du warst genervt. Du sahst so schön aus.
Ich lief und lief; und immer wieder die gleiche Situation; du warst genervt- ich war besorgt- unser altes Spiel. Katz und Maus. So ging es den ganzen Traum hindurch bis ich voller Schrecken erwachte und mich nicht wieder einzuschlafen traute. Ob sich dieser Zustand jemals ändert? Ob ich jemals loslassen kann? Ich weiß es nicht.
So schlitter ich von einem Tag in den nächsten und packe sie mir voll mit Aktionen und Denken- so vergehen sie, und es bangt mir vor den Momenten wo mich meine Sehnsucht nach dir wieder überrumpelt.
Morgens, wenn ich die Augen noch ganz voller Schlafsand habe, schaue ich aus dem Fenster und frage dich oft „ mein Kind; ob du heute lachen kannst“. Lachst du, weinst du?
Was machst du den ganzen Tag über?
Schaust du manchmal bei uns rein, oder bist du weg?
Ich weiß, als Mutter müsste ich das eigentlich fühlen. Und ich fühle ja auch, das du mir ganz nahe bist, aber wo bist du nur?
„Mein Kind, mein Kind ob du heute lachen kannst?“
Ich wünsch es mir so sehr.
Deine Mascha versehrten Herzens
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