Mein liebes Kind,
den Sommer mochte ich am wenigsten von allen Jahreszeiten. Das war schon immer so. Sieht man mal vom Karneval ab, der ja die fünfte Jahreszeit sein soll, den mochte ich auch nie.
Ich liebe den Frühling und den Herbst und den Winter, wenn die Bäume und Wiesen und Felder und Wälder mit Schnee verziert sind.
Den Sommer mochte ich nie und jetzt, seitdem du mich nach 17 Jahren verlassen hast – einfach verschwunden bist – mir gestorben bist; jetzt wünschte ich, es gäbe diesen verdammten Sommer gar nicht.
Im November habe ich dich geboren. Für viele Menschen ist der November ein schrecklicher Monat. In manchen Jahren waren die Raben im November so groß wie Hühner.
Die Pappeln fallen mir noch ein. Wenn so ein verhangenes Licht ist – so ein typisches Novemberlicht und sich die entlaubten Pappeln, mit ihrer schönen Siluoette in diesem Licht abzeichnen. Kennst du dieses Bild? Ich mag den November. Mit deiner Geburt fing mein Leben an.
Das komische ist; nun bist du weg und mein Leben hört nicht auf. In manchen Momenten fühle ich mich sogar glücklich.
Heute Abend musste ich sehr lachen. Hast du uns gesehen? Deine Brüder saßen im T-Shirt und mit nackten Beinen in den Sesseln vor unserem Kamin – und der war nicht angezündet.
Da saßen sie, diese großen Burschen mit nackten Beinen und haben sich eine halbe Ewigkeit bekichert. Sie sind schön – deine Brüder – innerlich und äußerlich.
Erinnerst du dich noch manchmal an die Zeit als ihr noch klein ward?
Ludwig hatte immer Angst vor Balu (Inas Hund). Wir mussten Balu in den ersten Wochen als wir hier aufs Land gezogen sind an einer Leine anmachen. Irgendwann verlor sich seine Angst; und später hat dieser freche Knirps diesen großen Hund gejagt; durch die Küche und den Garten.
Wir waren alle sehr glücklich in unserem ersten Sommer hier auf dem Lande.
Im Juni, dem nächsten, jährt sich unser Landaufenthalt zum zehnten mal. Ich habe keinen Tag bereut.
Und vor fast genau einem Jahr hast du das, unser geliebtes Zuhause verlassen, unsere sichere Burg, und bist den Rufen der Städte gefolgt. Du wünschtest dir Unabhängigkeit und junge Menschen um dich herum.
Jetzt halte ich mich an diesen Briefen – aus der Ferne- fest. Vier Briefe an mich.
Juliane, deine frühere Klavierlehrerin erzählte mir neulich, sie hätte bei sich nochkleine Stücke und Lieder gefunden, die du für mich komponiert hast.
Ich würde sie so gerne hören. Vielleicht spielt Juliane sie einmal für mich. Mein liebes Kind, jetzt ist bald Weihnachten; das mochten wir auch nie besonders. Wir kriegen viel Besuch; auf den freue ich mich sehr; aber diese berühmte Weihnachtsstimmung will sich bei mir nicht einstellen. Manchmal fragen sich irgendwelche Leute, ob diese Zeit jetzt besonders tragisch für mich ist. Da kann ich nur sagen; eigentlich nicht. Du bist in mir ; ich liebe meine Familie incl. meiner neuen Familie; nur würde ich dich liebend gerne mal in den Arm nehmen, und dich auf deine schönen warmen Lippen küssen.
deine Mascha
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